Innovation & Arbeit
Projektteam vor „Maja“ unter Oberleitung. © ika
04.11.2024
Lesedauer ca. 6 :00 Min.
04.11.2024

Schwergewichte am Draht: In Zukunft fahren auch Lkw unter Strom

Strom aufnehmen, während die Räder rollen: Diese Idee steckt hinter dem Oberleitungs-Lkw. Ein Stromabnehmer verbindet das Fahrzeug auf entsprechend ausgestatteten Strecken mit der Leitung über der Fahrbahn. Der im Beitrag vorgestellte Prototyp zeigt, wie sich diese Technik mit einem Batterieantrieb verbinden lässt. Ein spannender Ansatz – dessen Einsatz im Transportalltag von weit mehr abhängt als vom Kontakt zum Draht.

Der Regen prasselt unaufhörlich auf die Windschutzscheibe. Der mächtige 40-Tonner rollt durch die Nacht, ohne das monotone Brummen des Motors, das man von solchen Maschinen gewohnt ist. Stattdessen nur das leise Surren des Elektromotors, während der Fahrer die Hände entspannt am Lenkrad hält. Vor ihm, in der Ferne, zeichnen sich die ersten Oberleitungen ab. Ein leises Zischen, als der Stromabnehmer automatisch hochfährt, zielsicher die Leitung greift. Ein kleiner Ruck – und dann: nichts. Kein Aufbäumen, kein Widerstand. Nur eine fließende Bewegung, als der Lkw plötzlich Strom direkt von oben zapft.

Aufladen während der Fahrt – wie bitte?

„Maja“ unter Oberleitung. © PEM

Aufladen während der Fahrt – wie bitte?

Das Konzept ist so einfach wie genial: Der Lkw hat – genau wie Elektroautos – eine Batterie, die ihn mit Energie versorgt. Wenn er in der Spedition parkt, wird diese Batterie über die Ladesäule geladen. Der große Vorteil ist aber das Laden während der Fahrt an Oberleitungen. Die sollen perspektivisch über Autobahnen oder Bundesstraßen installiert werden. Der Stromabnehmer – der Pantograph – nimmt die elektrische Energie aus der Leitung auf und führt sie dem Fahrzeug zu. Das Ergebnis: Der Lkw wird während der Fahrt mit Strom versorgt und lädt gleichzeitig seine Batterie für Streckenabschnitte, auf denen keine Oberleitung vorhanden ist. Damit einher geht auch eine Reichweitenvergrößerung, ohne dass der Lkw irgendwo zum Laden stoppen müsste.

Wer sich jetzt an Straßenbahnen oder Züge erinnert fühlt, liegt richtig. Die Technik ist nicht neu, wurde aber in Aachen für den Schwerlastverkehr weiterentwickelt und angepasst. Der Unterschied: Während Straßenbahnen und Züge an Schienen gebunden sind, bleibt der Lkw flexibel und kann sich bei Bedarf von der Stromquelle trennen und mit Batterien weiterfahren. Ein kleiner Klapps des Stromabnehmers, und schon ist die Verbindung zur Oberleitung gelöst – der Lkw fährt weiter wie ein herkömmliches Elektrofahrzeug. Dabei profitiert er von den Vorteilen beider Systeme: Der Reichweite eines Elektrofahrzeugs und der direkten Stromversorgung aus der Oberleitung.

Unter Strom – mit vielen offenen Fragen

Projektteam vor „Maja“ unter Oberleitung. © ika

Unter Strom – mit vielen offenen Fragen

Während der Fahrt Energie aufnehmen: Das kann die Ladeplanung eines Elektro-Lkw verändern. Ob und wie sich das im Alltag bewährt, hängt von Fahrzeug, Strecke und verfügbarer Infrastruktur ab. Aus der Technik allein lässt sich auch ihre Klimabilanz nicht ablesen. Dazu gehören die Herstellung von Fahrzeug und Anlagen ebenso wie die Stromversorgung und der spätere Einsatz. Für belastbare Vorteile gegenüber anderen Antrieben braucht es einen Vergleich mit klaren Annahmen.

Aber nicht nur die Umwelt profitiert von dieser Technologie. Auch für die Betreiber von Logistikunternehmen ergeben sich erhebliche Vorteile. Die in den letzten Jahren stark gestiegenen Dieselpreise könnten langfristig der Vergangenheit angehören. Strom ist in vielen Regionen günstiger und kann nachhaltig erzeugt werden. Und wer jetzt denkt, dass es noch ewig dauern wird, bis dieses System flächendeckend zum Einsatz kommt, der sollte genauer hinsehen: Erste Pilotprojekte auf deutschen Straßen laufen bereits.

Infrastruktur und Kosten – was kommt auf uns zu?

Rückseite „Maja" unter Oberleitung, © PEM

Infrastruktur und Kosten – was kommt auf uns zu?

Wer Strom über die Fahrbahn bringen will, muss zunächst die passende Infrastruktur schaffen. Ob sich das rechnet, hängt unter anderem von Bau und Betrieb der Anlagen, ihrer Auslastung und den Energiepreisen ab. Die Frage lautet deshalb: Auf welchen Strecken könnte das Konzept im Alltag überzeugen? Es bedarf nicht nur die Unterstützung der Politik, sondern auch die Bereitschaft der Transportbranche, in diese Technologie zu investieren.

Eine weitere Frage: Was passiert mit den Lkw, die nicht über diese Technologie verfügen? Die Antwort ist einfach: Sie fahren weiter wie bisher. Das Stromabnehmersystem erlaubt bisherigen E-Lkw als zusätzliche Möglichkeit das Laden auch während der Fahrt für klimafreundlichen Transport. Vor allem auf stark befahrenen Strecken, die ohnehin hohe Emissionen verursachen, könnte der Einsatz von Oberleitungen eine nennenswerte Entlastung für die Umwelt bedeuten.

Langfristig könnte das System auch international ausgebaut werden. Andere europäische Länder wie Schweden erproben ähnliche Technologien, auch die Niederlande. Dort sollen von Rotterdam aus auf zwei Strecken mit hohem Lkw-Aufkommen insgesamt rund 280 Kilometer Autobahn elektrifiziert werden. Und perspektivisch könnte ein europaweites Oberleitungsnetz den Güterverkehr dann grenzüberschreitend elektrifizieren. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Es braucht Zeit, Investitionen und vor allem den politischen Willen, um solche Großprojekte zu realisieren. Aber die ersten Schritte sind getan und die Tests in Deutschland zeigen, dass die Technologie funktioniert.

Die Großen an Bord?

Seitenansicht Prototyp „Maja“, © PEM

Die Großen an Bord?

Die Entwicklung solcher Systeme erfordert nicht nur technisches Know-how, sondern auch die Zusammenarbeit mit den Großen der Verkehrsbranche. Hersteller wie Scania arbeiten seit Jahren an Lösungen für den elektrifizierten Straßenverkehr, und auch Automobilkonzerne wie Volvo oder Mercedes-Benz haben angekündigt, verstärkt in die Forschung und Entwicklung von Elektro-Lkw zu investieren. Dabei geht es nicht nur um den Einsatz von Batterien, sondern auch um alternative Antriebssysteme, die Wasserstoff nutzen. Die Kombination von Stromabnehmern und Batterietechnik scheint derzeit jedoch ein vielversprechender Ansatz zu sein, um den Schwerlastverkehr umweltfreundlicher zu gestalten. Vor allem dann, wenn sich ein solches System herstellerunabhängig nachrüsten lässt. Das sieht auch Gordon Witham so: „Im Projekt BEV Goes eHighway entwickeln wir ein Nachrüstkonzept, welches batterieelektrischen Serien-Lkw ermöglicht während der Fahrt an einer Oberleitung zu laden. Hierbei untersuchen wir die notwendigen Schnittstellen im Lkw, um eine herstellerübergreifende Lösung zu identifizieren. Dieses Konzept haben wir nun erstmalig an einem DAF XD Electric als Basisfahrzeug demonstriert.“

Für Transportunternehmen zählt die gesamte Rechnung: Anschaffung, Energie, Wartung und Einsatzplanung. Welche Lösung passt, entscheidet sich an den konkreten Touren. Eine pauschale Kostenersparnis lässt sich aus dem elektrischen Antrieb allein nicht ableiten.

Der Lkw der Zukunft – oder nur eine Übergangslösung?

Präsentation erster Prototyp „Maja". Personen v. l. n. r.: Clemens Schmidt (PEM), Eyk Bösche (VDI/VDE), Britta Sommer (VDI/VDE), Maximilian Heckert (VDI/VDE), Peter Kramer (DAF), Thilo Londong (PEM), Benedikt Siemons (PEM), Gordon Witham (ika), Roland Uerlich (DAF), © PEM

Der Lkw der Zukunft – oder nur eine Übergangslösung?

Der Oberleitungs-Lkw bringt eine ungewöhnliche Möglichkeit ins Spiel: Energie aufnehmen, während die Ladung weiterrollt. Welchen Platz die Technik künftig im Güterverkehr bekommt, bleibt offen. Entscheidend werden die Erfahrungen aus Entwicklung und Betrieb sein – und die Frage, wo sich die nötige Infrastruktur sinnvoll nutzen lässt.

Ihnen hat dieser Beitrag gefallen? Dann haben wir noch einen Lesetipp für Sie. An der Aachener Hochschule wird nicht nur am E-Lkw geforscht, sondern auch im Bereich autonomes Fahren. Was genau, lesen Sie im Beitrag Computer hinter dem Lenkrad.

© 2026 
Autobahn Tank & Rast Gruppe GmbH & Co. KG