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Eisbärenhaus
08.12.2022
Artikel zum Hören 05:11 Min.
Lesedauer ca. 4 :00 Min.
08.12.2022
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Wohnen wie ein Eisbär

Was Eisbären mit einem Haus in Baden-Württemberg zu tun haben und wieso man am nachhaltigen Bauen nicht mehr vorbeikommt. Ein Blick ins nachhaltigste Haus der Welt klärt auf.

Eisbären wissen, wie man Energie konserviert und Kraftreserven einspart. Aus gutem Grund: Denn die weißen Raubtiere halten im Gegensatz zu anderen Bären keinen Winterschlaf und sind ständig kalten Temperaturen ausgesetzt. Aber keine Sorge – Mutter Natur hat sie bestens ausgestattet. Ihr Fell absorbiert beispielsweise einen Großteil des Sonnenlichts, das direkt in Wärme umgewandelt wird. Gleichzeitig dient es auch als perfekte Wärmeisolation. Dank seiner Überlebenskünste ist der Bär Namensgeber des Eisbärhauses geworden, einer energiesparenden Konstruktion, die ihrem tierischen Vorbild in puncto Wärmedämmung in nichts nachsteht. Aber eins nach dem anderen.

Nachhaltiger Bau als Muss

Das Eisbärhaus in Kirchheim ist von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen als das weltweit nachhaltigste Gebäude ausgezeichnet worden.

Nachhaltiger Bau als Muss

In der Klima-Debatte sind Immobilien der „Elefant im Raum“, ein bekanntes, aber unausgesprochenes Problem. Denn die Bauinfrastruktur – also Wohnungen, Büros und Geschäfte – verursacht rund 40 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen und bringt auch zahlreiche andere ökologische Probleme mit sich, wie übermäßigen Energieverbrauch und eine Menge Abfall. Und so kommt man vom Elefanten im Raum schnell zum Eisbär auf der Scholle, dem klimabedingt buchstäblich die Lebensgrundlage wegschmilzt.
Der modulare Wandaufbau und eine Zellulosedämmung sorgen dafür, dass Wärme im Inneren des Gebäudes gehalten wird.
Die Frage, wie sich der Bär retten und der ökologische Fußabdruck von Immobilien reduzieren lässt, beschäftigt die gesamte Baubranche. Auch das Generalplanungs- und Architekturbüro Bankwitz, das in Kirchheim unter Teck, einer kleinen Gemeinde nahe Stuttgart, seinen Firmensitz hat – eben im Eisbärhaus. „Mit seiner schwarzen Haut und dem weißen Fell kann der Eisbär unter denkbar ungünstigen klimatischen Verhältnissen leben“, kommentiert Architekt Matthias Bankwitz die Namensgebung des Firmensitzes im Podcast Bauen & Wohnen. Für ihn ist der nachhaltige Bau das A und O bei Neubauten und wurde auch im Fall des Eisbärhauses konsequent zu Ende gedacht und umgesetzt. Auf vier Stockwerken vereint das Eisbärhaus Gewerbeflächen, Wohnungen und das Architekturbüro. Nachdem die ersten beiden Teile des Gebäudeensembles bereits 2008 fertiggestellt wurden, startete 2019 der Bau des dritten und letzten Teils, des Bauteils C. Und dieser Teil sollte ganz besonders nachhaltig werden.

Materialien und Sachverstand aus der Region

Das Eisbärhaus ist nicht nur von außen, sondern auch auf der Innenseite holzverschalt.

Materialien und Sachverstand aus der Region

Der gesamten Baukörper ist mit Weißtannenholz aus dem Schwarzwald verkleidet. Das Parkettholz stammt aus dem nahen Tübingen. Alle Baustoffe sind recycelbar. Ein wichtiger Faktor, um das Eisbärhaus auf Nachhaltigkeit zu trimmen, ist die Steuerung des Energieverbrauchs. Das Architekturbüro hat es daher als Passivhaus entworfen, um den Wärmeverlust im Gebäude möglichst klein zu halten und es mit Erdwärme und Sonnenlicht zu versorgen. Dank des modularen Wandaufbaus und einer Füllung Wärmedämmstoff wird die Wärme im Inneren des Gebäudes gehalten. Einfallendes Sonnenlicht wird direkt weitergegeben, absorbiert und maximiert die Wärmegewinnung.
Hinter dem Haus wurde eine Magerwiese angelegt, die allerlei Insekten anlockt.
Der neue Bauteil C kommt zudem ohne eigene Heizung aus, da er die Wärme anliegender Gebäude mitbenutzt. Aufgeheizt und abgekühlt wird das Eisbärhaus je nach Saison mithilfe einer umkehrbaren Wärmepumpe. Eine mechanische Lüftung regelt den Luftwechsel im Haus. In den kälteren Monaten wird die hineinströmende Frischluft mittels eines Wärmetauschers durch die ausgehende Abluft vorgewärmt.

Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Eisbärhauses erzeugt Strom, der sich mithilfe einer Batteriespeicheranlage auch verzögert nutzen lässt. Auch das Warmwasser bezieht der Bauteil C über den Bestand. WC-Spülung und Gartenbewässerung werden aus einer Regenwasserzisterne gespeist. Alle diese Überlegungen zahlen sich aus: So soll ein Arbeitsplatz im Eisbärhaus nur acht Prozent der Energie verbrauchen, die in einem herkömmlichen Gebäude benötigt wird. Und Nachhaltigkeit beschränkt sich nicht nur auf den Energieverbrauch. Hinter dem Haus wurde eine Magerwiese angelegt, die als artenreicher Lebensraum fungiert und eine Vielzahl nützlicher Insekten anlockt.

Auszeichnung: Platin

Die Außenwände des Eisbärhauses sind an die 60 Zentimeter stark. Für den Luftwechsel im Haus sorgt eine mechanische Komfortlüftung.

Auszeichnung: Platin

Der Erfolg der Planung schlägt sich auch in einer Auszeichnung nieder. Das klimapositive Wohn- und Geschäftshaus erhielt die höchste Bewertung, die ein Neubau im Zertifizierungsverfahren der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) jemals erreicht hat – Platin. Die DGNB bewertete das Gebäude anhand von insgesamt 37 Kriterien, zum Beispiel die Ökobilanz des Gebäudes, die Rückbau- und Recyclingfreundlichkeit oder die Innenraum-Luftqualität. Eine DNGB-Auszeichnung erhalten dabei ausschließlich besonders umweltfreundliche, ressourcenschonende und funktionale Bauten, die sich vorbildlich in ihr Umfeld integrieren. Für ein Platin-Zertifikat muss ein Projekt einen Gesamterfüllungsgrad von mindestens 80 Prozent aufweisen. Der Bauteil C hat mit 95,6 Prozent den höchsten DGNB-Erfüllungsgrad bis dato erreicht. Damit gilt das Eisbärhaus als nachhaltigstes Gebäude der Welt. Übrigens: an unseren Raststätten sind Eisbären eher weniger häufig zu finden. Aber unsere Raststätte Fürholzen West wurde ebenfalls vom DGNB ausgezeichnet und ist nach wie vor das einzige Raststättengebaude Deutschland mit der Auszeichnung „klimapositiv“ ist.

 

Fotocredit der Gebäudefotos: BANKWITZ GmbH

 

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