Innovation & Arbeit
Lausitz goes digital
05.01.2026
Artikel zum Hören 05:21 Min.
Lesedauer ca. 5 :00 Min.
05.01.2026
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Digitale Heimat-Helden: Wenn Bits statt Braunkohle in der Lausitz blühen

Was lange als graue Energieprovinz galt, wird heute zu einem digitalen Experimentierfeld der Republik. In der Lausitz, tief verwurzelt zwischen alten Gleisen und neuen Glasfasern, wächst eine Bewegung heran, die man getrost als das Comeback der Heimat bezeichnen kann. Digitale Pioniere verwandeln einstige Braunkohlereviere in lebendige Zukunftswerkstätten. Der Wandel ist dabei kein schneller Ritt auf dem Datenstrom – sondern ein mutiger Umbau mit Charakter.

Auf zu neuen Ufern – aber mit Kabel

Auf zu neuen Ufern – aber mit Kabel

Wer durch die Lausitz reist, erkennt sie nicht sofort wieder. Zwischen sanften Hügeln, kristallklaren Seen und stillgelegten Industrieanlagen entsteht ein Raum, der wie gemacht scheint für einen Neuanfang. Nur rauscht hier kein Fördersand mehr, sondern Datenpakete. Mit beeindruckender Konsequenz wurde in den vergangenen Jahren eine digitale Infrastruktur hochgezogen, die den Vergleich mit Großstadt-Standards nicht zu scheuen braucht.

An Orten wie Weißwasser, Spremberg oder Cottbus klackern keine Baggerketten mehr, dafür surren Server. Schnelles Internet ist heute mehr als bloßes Komfortversprechen – es ist der Lebensnerv der digitalen Transformation. Alte Schulen wurden mit neuen Netzwerken ausgestattet, Gewerbegebiete aufgerüstet, leerstehende Gebäude in kreative Labs verwandelt. Ein Netz aus Lichtgeschwindigkeit und Zukunftsoptimismus zieht sich quer durch die Region.

Nicht Silicon Valley, sondern Digital-Delta

Nicht Silicon Valley, sondern Digital-Delta

Was den Wandel der Lausitz so besonders macht, ist nicht allein die technische Aufrüstung. Es ist der Geist, der hier weht. Kein blindes Kopieren von kalifornischen Klischees, sondern eine ganz eigene Vision: digital, nachhaltig, regional. Die Protagonistinnen und Protagonisten dieses Wandels sind keine Hipster mit Hoodie und Hype, sondern echte Heimathelden – Entwicklerinnen, Forscher, Unternehmerinnen, Lehrkräfte, Landwirte. Sie alle vernetzen sich zu einem Ökosystem, das technologische Innovation mit lokalem Know-how verbindet.

Da ist zum Beispiel ein Start-up, das mit KI und Drohnentechnologie die Landwirtschaft revolutioniert. Statt endloser Traktorschlachten auf überdüngten Äckern gibt es hier smarte Sensoren, die punktgenau analysieren, wann die Kartoffel Wasser braucht. Oder ein Rechenzentrum, das nicht nur klimaneutral arbeitet, sondern seine Abwärme nutzt, um benachbarte Wohnquartiere zu beheizen – ein bisschen wie eine Wärmflasche mit Rechenleistung.

Es braucht ein Dorf – und ein paar Datenpakete

Es braucht ein Dorf – und ein paar Datenpakete

Doch die digitale Lausitz lebt nicht von Einzelprojekten. Der entscheidende Unterschied ist das Zusammenspiel. Hochschulen, Unternehmen, Kommunen und Bürgerinitiativen haben sich zusammengeschlossen, um nicht nur digitale Dienstleistungen zu bieten, sondern auch Arbeitsplätze zu schaffen, die bleiben. Kein Brain Drain in Richtung Berlin, sondern Brain Gain zurück in die Region.

An der Technischen Hochschule Lausitz entstehen Studiengänge, die maßgeschneidert sind für die Herausforderungen der Region: Smart City, Energietechnologie, Data Science mit landwirtschaftlichem Fokus. Das klingt trocken, ist aber in Wirklichkeit der Treibstoff für neue Arbeitswelten. Absolventinnen bleiben vor Ort, gründen eigene Firmen oder verstärken lokale Mittelständler, die nun nicht mehr abgehängt, sondern vorn dabei sind.

Gleichzeitig entstehen Orte der Begegnung: Co-Working-Spaces, Innovationslabore, Makerspaces. Hier trifft der alte Schmied auf den jungen Programmierer, hier wird am Tisch zwischen Kaffeemaschine und 3D-Drucker diskutiert, getestet, verworfen, gebaut. Diese Räume sind keine hippen Kulissen, sondern echte Keimzellen für Ideen, die aus der Region heraus gedacht und gemacht werden.

Vom Tagebau zur Denkfabrik

Vom Tagebau zur Denkfabrik

Natürlich war der Strukturwandel kein Selbstläufer. Der Abschied von der Kohle riss Wunden – wirtschaftlich, emotional, kulturell. Doch genau diese Leerstelle wurde zur Projektionsfläche für Neues. Statt Resignation trat eine stille Entschlossenheit. Wenn schon alles neu muss, dann richtig. Und zwar mit einer Strategie, die auf Nachhaltigkeit und Resilienz setzt. Statt blindem Technologieglauben wird hier mit Vernunft digitalisiert. Fördergelder fließen nicht in abstrakte Leuchttürme, sondern in durchdachte Konzepte. Jedes neue Projekt wird auf seine regionale Verankerung geprüft. Jedes neue Arbeitsfeld entsteht in Verbindung mit Bildung, Forschung und sozialer Integration. Es geht nicht um Effizienz um jeden Preis – sondern um ein lebenswertes Morgen.

Zwischen Rückbesinnung und Zukunftsblick

Zwischen Rückbesinnung und Zukunftsblick

Dabei bleibt die Lausitz sich selbst treu. Der Stolz auf die eigene Geschichte – von der Industrie bis zur sorbischen Kultur – wird nicht verdrängt, sondern digital weitergeführt. Traditionelle Handwerksbetriebe entdecken neue Märkte über E-Commerce. Regionale Produkte werden via Plattformen direkt vermarktet. Heimat ist hier kein Heimatfilm, sondern Hightech mit Bodenhaftung.

Und die Menschen? Sie merken, dass sie gebraucht werden. Dass Digitalisierung nicht bedeutet, dass Algorithmen alles übernehmen, sondern dass ihre Erfahrung zählt. Viele, die einst wegzogen, kommen zurück – angelockt von spannenden Jobs, günstigen Mieten und einer Lebensqualität, die Großstadtstress alt aussehen lässt. Wer will, kann vormittags Code schreiben und nachmittags aufs SUP-Board steigen – mitten im Lausitzer Seenland.

Die neue Arbeitswelt kommt von unten

Die neue Arbeitswelt kommt von unten

Was in der Lausitz passiert, ist kein wirtschaftliches Märchen. Es ist ein Kraftakt, getragen von vielen Händen. Die neuen Jobs entstehen nicht durch Zufall, sondern durch Planung, Ausbildung und Engagement. Sie reichen von hochspezialisierten Entwicklerinnen über technische Servicekräfte bis hin zu Projektmanagerinnen für digitale Transformation. Oft arbeiten sie hybrid, mal im Homeoffice, mal im Reallabor – und immer vernetzt mit anderen.

Entscheidend ist: Die Wertschöpfung bleibt in der Region. Es entstehen keine Außenstellen globaler Konzerne, sondern eigenständige Strukturen. Die Lausitz wird zum Modell für einen dezentralen, nachhaltigen Aufbau digitaler Arbeitswelten. Und das ganz ohne den Hochglanz einer Smart City, sondern mit der ehrlichen Patina einer Region, die weiß, woher sie kommt – und trotzdem weiß, wohin sie will.

Zwischen Fernziel und Fahrplan

Zwischen Fernziel und Fahrplan

Klar ist: Der Weg ist noch lang. Noch immer fehlen Fachkräfte, müssen Schulen nachziehen, braucht es stabile politische Unterstützung. Aber der Kurs stimmt. Die Vision ist da. Und sie wächst mit jedem Kabel, jedem Kurs, jedem kreativen Gedanken. Denn was in der Lausitz entsteht, ist mehr als ein digitaler Aufbruch. Es ist ein gesellschaftliches Versprechen: Wer anpackt, wer vernetzt denkt, wer die Heimat nicht als Kulisse, sondern als Ressource begreift, kann Großes schaffen. Nicht irgendwann, sondern jetzt.

Lesetipp: Wer wissen will, wie digitale Technologie den ländlichen Raum nicht nur verändert, sondern neu erfindet: „Vom Traktor zum Tracker – Wie Smart Farming unsere Felder revolutioniert“ im Momente-Magazin.

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